Suizid – ein Thema, das enttabuisiert werden sollte
13.03.2026 SinsAm Mittwochabend fand im Küngsmattsaal ein eindrückliches, emotionales und sehr aufschlussreiches Podium statt. Aufarbeiten und nicht unter den Teppich kehren, das ist die Botschaft.
IRIS CAGLIONI
Der Abend bot Raum für ein Thema, welches in ...
Am Mittwochabend fand im Küngsmattsaal ein eindrückliches, emotionales und sehr aufschlussreiches Podium statt. Aufarbeiten und nicht unter den Teppich kehren, das ist die Botschaft.
IRIS CAGLIONI
Der Abend bot Raum für ein Thema, welches in unserer Gesellschaft noch stark tabuisiert ist. Die Anwesenden konnten sich hineinfühlen in die Hinterbliebenen, die sich bohrende Schuldfragen stellen, sich bewusst machen, wie notwendig wirkliches Zuhören ist, erfahren, wie viele einfältige Fragen es gibt, die fehl am Platz sind, und so auch erfahren, wie wichtig es ist, keine gedankenlos herausgeplauderten Weisheiten von sich zu geben, denn die bringen keine Heilung.
Eingeladen hatte der Pastoralraum Oberes Freiamt. Martina Suter stellte die beiden Referenten vor. Das Podiumsgespräch führten Céline Humm und Jörg Weisshaupt. Humm ist selbst eine betroffene Hinterbliebene. Die mittlerweile fünffache Mutter verlor im Alter von 34 Jahren ihre Mutter durch Suizid. Weisshaupt ist Gründer des Vereins trauernetz.ch und seit über 20 Jahren engagiert für die Suizidnachsorge.
Humm hat ihren Weg zur Aufarbeitung gefunden, und aus dieser Erfahrung heraus entstand ihr Buch «Suizid – reden wir darüber». Im Laufe des Abends las sie einige Sequenzen aus Hinterbliebenenberichten vor. Zu Beginn waren es die Zeilen aus dem Bericht einer Mutter, die ihre 17-jährige Tochter durch Suizid verloren hat. Ebenso betroffen dabei war der Bruder des Opfers, der heute gerne seiner Schwester erzählen würde, was er in den letzten Jahren alles erlebt hat.
Nicht verwandt, aber doch betroffen
Er war Schulhausmeister. Er erzählte, dass er doch die 15-jährige Schülerin noch kurz vorher gesehen hatte. Sie habe fröhlich gewirkt und doch stürzte sie sich wenig später vom Hausdach. Humm betonte: «Auch er ist ein Hinterbliebener, ein Betroffener. Er kannte dieses Mädchen seit ihrem Schuleintritt und zweifelt an seiner Menschenkenntnis, weil er nichts bemerkt hatte.»
Aber auch die Zeilen aus dem Bericht einer Bestatterin, die auf heftige Art mit Suizid konfrontiert wird und so auch direkt betroffen ist. Denn sie bekommt jeweils die volle Wucht der Trauer, Wut und Angst der Angehörigen zu spüren.
Aufarbeiten, egal wie
«Laut WHO hinterlässt ein Suizid 135 betroffene Menschen zurück: In der Familie, am Arbeitsplatz, in den Vereinen, in der Nachbarschaft oder auch in den sozialen Kontakten», erzählte Humm. «Und jeder Hinterbliebene verarbeitet den Suizid einer nahestehenden oder bekannten Person auf andere Art. Ich musste darüber reden.» So kam ihr Buch zustande und mit der Erscheinung dessen auch die Referate. Humm ist Mutter von fünf Kindern in einer Altersspanne von 2,5 bis 20 Jahren. Auch mit ihren Kindern redet sie darüber, je nach Alter auf unterschiedlichem Niveau. «Als mich mein neunjähriger Sohn fragte, was das Wort Suizid bedeutet, habe ich es ihm erklärt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kinder sehr gut mit diesem Thema umgehen können. Schwierige oder belastende Themen will ich nie so unter den Teppich kehren, wie das in meiner Kindheit getan wurde.» In der Schweiz nehmen sich jährlich über 1’000 Menschen das Leben. «Auch mit viel Prävention können wir nicht jeden Suizid verhindern. Oft geht man davon aus, es seien Kurzschlusshandlungen. Doch die Erfahrung zeigt, dass viele Opfer im Vorfeld massive Abklärungen machten und Ordnung in ihre Angelegenheiten brachten», erklärte Weisshaupt.
Floskeln – viel verwendet, wenig Sinn machend
Vor dem Start des Podiums bekamen alle Besuchenden ein kleines Kuvert mit der Bitte, es erst zu öffnen, wenn sie später dazu aufgefordert würden. In den Kuverts befanden sich Aussagen oder Fragen wie beispielsweise: «Hast du nichts gemerkt?» Humm ermutigte Besucher dazu, ihre Frage oder Aussage mit den anderen Teilnehmern zu teilen und startete so eine kurze Fragerunde, die erst zögerlich, dann aber doch genutzt wurde.
Schlussendlich erklärte Humm, was genau ihre Holzkiste enthält: Kleine Herzensdinge wie: eine Kerze in Herzform, um Licht ins Dunkel zu bringen, ein roter Wollknäuel, um sich einen roten Faden abzuschneiden, ein Schlüssel, um Verschlossenes zu öffnen und vieles mehr. Sie erklärte den Sinn und Zweck dieser kleinen Dinge. «Nehmen sie die Dinge mit, die sie ansprechen. Es sind kleine Herzensgrüsse, die in jeden Hosensack passen».
Mehr zum Thema
Nach dem Podium wurde ein Apéro ausgeschenkt. Dabei hatten die Besucher noch die Möglichkeit, mit den beiden Rednern zu sprechen, das Buch zu kaufen oder sich einfach auszutauschen. Die laufenden Gespräche im Anschluss an die Veranstaltung waren für einmal nicht mit lauten Stimmen und Gelächter gefärbt, sondern eher mit einer drückenden, aber auch einer ruhigen Stimmung. Um dem Gehörten Tiefe zu geben, wird im Kino Cinepol die Filmreihe dazu gezeigt. Bei jedem Film ist jemand vom Seelsorgeteam anwesend für eine Filmeinführung. Der erste dieser Filme heisst «hin und weg» und wird am 22. April gezeigt.


