Sorgenkind Gesundheitswesen
29.08.2025 SinsDass die steigenden Gesundheitskosten der Bevölkerung auf dem Magen liegen, zeigte sich am Montagabend bei der Veranstaltung Brennpunkt Oberfreiamt. Die Diskussionsrunde war fast länger als die Referate.
RAHEL HEGGLIN
Noch nie gab es nach einem ...
Dass die steigenden Gesundheitskosten der Bevölkerung auf dem Magen liegen, zeigte sich am Montagabend bei der Veranstaltung Brennpunkt Oberfreiamt. Die Diskussionsrunde war fast länger als die Referate.
RAHEL HEGGLIN
Noch nie gab es nach einem Brennpunkt-Oberfreiamt-Podium so viele Wortmeldungen wie an diesem Anlass. Das mag vielleicht daran liegen, dass es erst die vierte Austragung war, kann aber auch am gewählten Thema liegen, was eher der Fall ist. Mit dem Aufhänger «Sorgenkind Gesundheitswesen» lockten die Organisatoren, Alexander Eigensatz, Jörg Weiss und Günter Trost, rund 30 Personen ins Restaurant Einhorn nach Sins.
Nach der Begrüssungsrede durch Eigensatz übergab er das Wort an seinen ersten Referenten, Stephan Campi, Generalsekretär Departement Gesundheit und Soziales des Kantons Aargau. Dieser richtete als Erstes Grüsse von Gesundheitsdirektor Jean-Pierre Gallati aus und zeigte dann einen kurzen Ist-Zustand des kantonalen Gesundheitswesens auf. «Wir haben ein gutes Netz mit rund 30’000 Fachpersonen. Dennoch hat der Kanton schweizweit die zweittiefste Dichte an Hausärzten. Dieser Mangel wird sich aufgrund zukünftiger Pensionierungen noch verschärfen.» Mit Blick auf die steigenden Krankenkassenprämien erwähnte er, dass im Jahr 2024 über 185’000 Personen eine Prämienverbilligung erhalten haben, was praktisch jeder vierte Aargauer Einwohner ist. Verbesserungen sollen das neue Abrechnungssystem tardoc per 2026 sowie die einheitliche Finanzierung von ambulanten und stationären Leistungen (EFAS) ab 2028 bringen. «EFAS wird im Pflegebereich per 2032 zum Tragen kommen. Wir wollen damit die Ambulantisierung fördern, damit wir eine bessere Effizienz sowie Versorgung erreichen», so Campi. Tardoc werde tarmed ablösen und eine genauere Abrechnung ermöglichen. Was ebenfalls die Kosten zukünftig senken sollte, ist die Einführung eines elektronischen Patientendossiers (EPD). Damit hätten Spitäler oder Ärzte auf die gleiche Akte eines Patienten Zugriff und könnten sehen, was bereits untersucht wurde. Das könne Doppelspurigkeiten vermeiden.
Versorgungsregionen bilden
Zudem soll mit der Gesundheitspolitischen Gesamtplanung (GGpl) 2030 die zukünftige Gesundheitsversorgung komplett überarbeitet werden. «Wir werden das Spital-, Gesundheits- und Pflegegesetz anpassen. Unser Ziel ist ein bedarfsgerechtes, integriertes, digital vernetztes, qualitativ hochstehendes und finanzierbares Gesundheitswesen.»
Es gilt also, die vorhandenen Leistungserbringer innerhalb der Versorgungsregionen zu bündeln und auch Strategien innerhalb der Langzeitpflege und Spitex zu regeln. «Gemeinden sollen sich vernetzen und koordiniert Pflegeheime und Spitexorganisationen betreiben. Wichtig ist, dass Spitex-Firmen keine hohen Profite erzielen.» (Siehe dazu Bericht auf Seite 9)
Strategischer Wendepunkt
Die grosse Komplexität des Gesundheitswesens führte auch Thomas Ernst, Präsident des Aargauischen Ärzteverbands in seinem Referat aus. «Da wir immer mehr Prämien zahlen, sind auch die Ansprüche an das ganze System gestiegen. Wenn ich mehr zahle, will ich auch eine bessere Leistung.» Es brauche daher unter anderem Prozessoptimierungen und Automatisierungen, damit die Pflegefachpersonen entlastet werden und wieder mehr Zeit für die Patienten hätten. KI könne eine Chance sein. Wichtig sei, dass man den strategischen Wendepunkt nicht verpasse. «Es gibt kein geradeaus. Entweder wir verpassen den strategischen Wendepunkt und stürzen ab, oder wir packen den Moment und können die Effizienz im Gesundheitssystem steigern.» Gemeint ist, dass die Überlappung der verschiedenen Akteure grösser werden soll, damit die Patienten maximal von einer Behandlung profitieren.
Auch Versicherer machen sich Gedanken
Wohin unsere Prämien fliessen, das erklärte Mathias Früh, Leiter Gesundheitspolitik & Publik Affairs bei den Helsana Versicherungen AG. «Pro ein Franken Prämien gehen fünf Rappen in den Verwaltungsapparat der Versicherung. Die restlichen 95 Rappen werden für die Finanzierung der medizinischen Leistung gebraucht.» Das meiste Geld gehe dabei für Medikamente drauf, an zweiter Stelle würden ambulante ärztliche Leistungen und an dritter Stelle die Spitalkosten im ambulanten und stationären Bereich stehen. «Die Preise bei den Medikamenten sind überdurchschnittlich stark in den vergangenen Jahren gewachsen. Das hat einen enormen Einfluss auf die Kostenentwicklung bei den Krankenkassen.» Für ihn ist klar, dass die Förderung der Ambulantisierung zukünftig Kosten sparen wird. «Mit dem EFAS wurde eine wichtige Grundlage dafür geschaffen.» Auch das EPD sieht er als Chance, Kosten zu senken. «Damit kann vermieden werden, dass beispielsweise Röntgenbilder doppelt gemacht werden, weil das Spital nicht weiss, was der Hausarzt bereits gemacht hat.» Als letzter Punkt sieht Früh eine Optimierung bei den Krankenkassenmodellen. «Die alternativen Versicherungsmodelle sind keine Rabattmodelle, sondern Qualitätsmodelle. Das müssen sie den Versicherten beibringen, um auch hier Kostenersparnisse zu erzielen.»
Viele Fragen
Damit waren die Referate abgeschlossen, die offenen Fragen bei den Anwesenden aber noch lange nicht beantwortet. Denn was jeden stört ist, dass die Prämien Jahr für Jahr steigen. Deshalb wollte jemand beispielsweise wissen, wie hoch der Werbeanteil der Versicherer beim Prämienfranken ist. Früh erklärte, dass dies ein geringer Prozentsatz sei, der sich innerhalb der fünf Rappen bewege. Eine andere Frage drehte sich um die Einführung einer Einheitskasse. Für den Leiter Gesundheitspolitik bei der Helsana bringt dieses Modell keine Kostenersparnis. Das hätten Modelle in anderen Ländern gezeigt. Auf die Frage, wann denn endlich das Prämienwachstum sinke, meinten die Referenten, dass dies in ungefähr zwei Jahren mit der Einführung des EFAS der Fall sei. «Dann werden die Kosten bei den Prämienzahlenden steigen, die Prämien aber sinken», erklärte Ernst. Diese Aussage warf gleich neue Fragen auf, was ihn zu einer weiteren Erklärung zwang: «Wenn die Prämienzahlenden mehr für ihre ambulanten Leistungen zahlen müssen, sinken die Kosten beim Versicherer. Aktuell zahle bei den stationären Behandlungen der Kanton und der Versicherer je fünfzig Prozent. Zukünftig werde der Prämienzahler mehr Eigenkosten haben. Damit sinken die Ausgaben beim Versicherer», erklärte er. Weitere Antworten mussten bezüglich interkantonalem Gesundheitssystem, über den Versichertenslogan «Einer für alle, alle für Einen» sowie über nicht zugelassene Medikamente gegeben werden. Nach einer guten Dreiviertelstunde beendete Eigensatz die Fragerunde und lud zum Apéro, um die Gespräche weiterzuführen. Für den Mitorganisator war es ein gelungener Abend: «Die drei Referenten haben sich sehr gut auf den Abend vorbereitet. Ich hätte mir etwas mehr Lösungsansätze erhofft. Aber das ist wahrscheinlich aufgrund der Komplexität innerhalb dieses Prozesses im Moment noch nicht möglich.» Gut fand er die vielen Fragen der Gäste. Diese seien auf hohem Niveau gewesen und wurden anständig formuliert.
Das nächste Brennpunkt-Oberfreiamt-Podium wird im Frühling stattfinden. Das Thema dazu ist noch nicht definiert. Wie wäre es mit einer Fortsetzung vom «Sorgenkind Gesundheitswesen»?