Lothars Vermächtnis: Die Folgen des Sturms
20.12.2024 RegionDer Jahrhundertsturm Lothar jährt sich am 26. Dezember zum 25. Mal. In Dietwil hat er rund 30 Prozent des Waldes auf Aargauer Boden zerstört. Für das Forstunternehmen des heutigen Gemeindeammanns Pius Wiss hatte der Sturm tiefgreifende Auswirkungen.
RAHEL ...
Der Jahrhundertsturm Lothar jährt sich am 26. Dezember zum 25. Mal. In Dietwil hat er rund 30 Prozent des Waldes auf Aargauer Boden zerstört. Für das Forstunternehmen des heutigen Gemeindeammanns Pius Wiss hatte der Sturm tiefgreifende Auswirkungen.
RAHEL HEGGLIN
«Es war ein Sonntag, und unsere Kinder spielten am Nachmittag im Garten», erzählt Wiss, wie er sich an das folgenschwere Naturereignis erinnert. «Plötzlich kamen die Kinder rein und erzählten, dass Ziegel vom Dach fliegen würden. Ich habe dann schnell realisiert, dass hier ein grösserer Orkan über die Schweiz fegt.» Bereits kurze Zeit später klingelte sein Telefon. Wiss war damals Feuerwehrkommandant und wurde informiert, dass Bäume die Wege an verschiedenen Stellen in Dietwil versperrten.
Auch Förster von umliegenden Gebieten riefen ihn an und erzählten von umgestürzten Bäumen. «Das Ausmass war gigantisch. Da, wo zuvor grosse, gesunde Bäume standen, waren nur noch grosse Lichtungen.» Der Sturm war zwar meteorologisch angekündigt, doch das Ausmass der Verwüstung hat viele überrascht.
Erste Massnahmen nach dem Sturm
Grundsätzlich hätten Wiss und sein Forstunternehmen während den Weihnachtstagen Betriebsferien gehabt. «Wir mussten aber dringend reagieren, und so habe ich Mitarbeitende angerufen und gefragt, ob sie einspringen können. Während drei Tagen haben wir in verschiedenen Gemeinden Bäume von den Durchgangsstrassen geräumt, damit diese wieder passierbar waren. «Viele Förster und Revierbesitzer riefen in den Tagen danach an, ob ich das Schadenmass anschauen könne.» Gleichzeitig kamen Nachrichten aus Deutschland und Frankreich, dass der Sturm in Teilen dieser Länder noch verheerendere Schäden angerichtet hatte, als es in der Schweiz der Fall war. «Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde mir bewusst, dass der Holzmarkt zusammenbrechen wird. Ich suchte im In- und Ausland nach Abnehmern für das Sturmholz.» Im Gegensatz zu heutigen Kommunikationsmöglichkeiten, mit denen Anfragen via E-Mail übermittelt werden können, standen damals nur Telefon und Fax zur Verfügung. Trotzdem gelang es, diverse Abnehmer zu finden, vor allem in Österreich und Italien. Der Holzpreis halbierte sich jedoch.
Absatzmarkt im Ausland
Das Sturmholz transportierte die Wiss AG über den Bahnweg ins Ausland. «Die SBB hatte dafür Bahnwaggons aus ganz Europa zugemietet, damit wir in der Schweiz genügend Wagen hatten. Auch auf den Trassen wurde zusätzliche Kapazität geschaffen. Wir haben pro Tag vier Waggons beladen können. Diese standen in verschiedenen Bahnhöfen, in vielen dieser Bahnhöfe kann heute kein Holz mehr verladen werden.»
Strategie zur Krisenbewältigung
Die Aufräumarbeiten, die der Sturm mit sich brachte, sorgten dafür, dass Wiss und sein Team über eineinhalb Jahre hinweg ausgelastet waren. Es galt, umgestürzte Bäume zu ernten, sie teilweise noch mit der Motorsäge zu bearbeiten, zu entasten, aufzuladen und abzutransportieren. Um diesen Arbeitsaufwand effizient zu bewältigen, entwickelte Wiss ein Rotationssystem. Dieses System stellte sicher, dass den Kunden in festgelegten Zeitabständen Maschinen und Personal zur Verfügung standen. So konnte die Nachfrage gezielt koordiniert und jeder Auftrag gewissenhaft abgearbeitet werden. «Wir wollten niemanden verärgern und alle Aufträge fair verteilen und zu fairen Preisen ausführen», betont Wiss.
Wiederaufforstung und Verluste
Dietwil wurde im Vergleich zu anderen Gebieten überdurchschnittlich stark von Lothar getroffen. «Insgesamt umfasst unser Waldgebiet auf Aargauer Boden 70 Hektaren. Von diesen wurden über 21 Hektaren stark beschädigt», sagt Wiss. Während zehn Hektaren sich auf natürliche Weise regenerieren konnten, mussten rund elf Hektaren angepflanzt werden. Viele der zerstörten Bäume waren junge Bestände, die nach einem Sturm im Jahr 1967 gepflanzt wurden.
Für etliche, vor allem private Waldbesitzer war der angerichtete Schaden auch finanziell verheerend. Privatwaldbesitzer fanden teilweise ihren ganzen Wald zerstört vor. Wiss und sein Forstunternehmen wiederum konnten von den Sturmschäden durch Arbeit profitieren. Dennoch war ihm stets bewusst, dass nach der ersten Aufräumphase für längere Zeit weniger Arbeit anfallen würde. «Bäume, die aufgeforstet werden, geben erst nach rund 25 Jahren wieder einen Holzertrag. Daher war klar, dass wir in diesen Gebieten langfristig weniger Arbeit haben werden.»
Für Wiss und sein Unternehmen verlief die Zukunft jedoch weiterhin positiv, was er auch auf seine faire Preispolitik zurückführt. «Das haben viele Kunden damals geschätzt», sagt er rückblickend.