Ein Nebenamt, 56 Jahre lang penibel ausgeführt
24.07.2026 OberrütiSpricht man von kommunale Erhebungen, klingt das nach trockenen Zahlensammlungen. Zahlen und Fakten, die in einer Statistik verstauben. Doch die Ausführungen von Hans Adler zeichnen ein anderes Bild.
IRIS CAGLIONI
Heute läuft alles elektronisch. Die ...
Spricht man von kommunale Erhebungen, klingt das nach trockenen Zahlensammlungen. Zahlen und Fakten, die in einer Statistik verstauben. Doch die Ausführungen von Hans Adler zeichnen ein anderes Bild.
IRIS CAGLIONI
Heute läuft alles elektronisch. Die Erfassung der Daten, die Auszahlungen der Rückvergütung und auch das Berechnen der Ackerflächen für die Bestimmung der Prämien, die Ende Jahr den Landwirtschaftsbetrieben zurückvergütet werden. Den administrativen Wandel in diesem Amt hat Hans Adler hautnah miterlebt.
Mit gerade mal 19 Jahren wurde der junge Landwirt von seinem Vorgänger angefragt, das Amt als Leiter der kommunale Erhebungsstelle Landwirtschaft zu übernehmen. «Damit wurde ich verantwortlich für die Statistiken und Erhebungen in der Gemeinde Oberrüti. Das waren vorwiegend administrative Aufgaben. Dazu gehörte das Verteilen von Formularen, welche von den Landwirten ausgefüllt zurück an mich mussten. Ich prüfte die Angaben, visierte das Formular und sandte es fristgerecht nach Aarau. Ich war auch Anlaufstelle der Landwirte bei Fragen.»
Dass er diese Aufgabe während 14 Amtsperioden ausführen würde, konnte sich Adler anfänglich auch nicht vorstellen. «Ich war das Bindeglied zwischen dem Kanton oder dem Bund und den landwirtschaftlichen Betrieben, die zu Oberrüti gehörten – 28 waren es zu Beginn, heute sind es deutlich weniger», konstatiert er.
Zum Glück gab es keinen Krieg mehr
In den 70er Jahren löste der Kalte Krieg eine Alarmbereitschaft in der Schweiz aus. Aus den Erfahrungen des 2. Weltkriegs wurden Lehren gezogen. Die Schweiz schuf eine Strategie zur Ernährungssicherheit für Mensch und Tier. Dies war Hintergrund der Anbauprämien. «Dazu war es nötig, dass die Landwirtschaftsbetriebe auch weiterliefen, wenn der Landwirt eingezogen würde. Gab es keine Stellvertretung, war dies ein ausreichender Grund, um von der Dienstpflicht enthoben zu sein. In drei Fällen durfte ich ein so genanntes Mobilmachungsdispensationsgesuch unterschreiben. Diese Gesuche wurden nicht benötigt - zum Glück.»
Anbauprämien auf Futtergetreide
«Ich war verantwortlich dafür, dass die Landwirte die vom Kanton geforderten Formulare korrekt ausfüllten und einreichten. Stichprobenmässig musste ich auch die angegebene Anbaufläche ausmessen.»
Immer vor Weihnachten zahlte Adler den Bauern die Anbauprämien persönlich aus. «Für alle zusammen erhielt ich im Durchschnitt zwischen 50’000 und 80’000 Franken. Die Mitarbeiter bei der Poststelle hatten da jeweils nicht so Freude, wenn sie mich kommen sahen.» Früher gab es keine Zahlungen auf Konti wie heute.
Das Geld vom Kanton wurde per Postgiro überwiesen und bar ausgezahlt. Adler ging dann zu jedem Landwirt und händigte ihm seinen Betrag in einem Kuvert aus. «Ich berechnete anhand der Beiträge, wie viele Noten welcher Sorte ich brauchte – also wie viele 1’000er, 500er, 100er und so weiter bis zum Fünferli genau. Mit dieser Liste ging ich zur Post und liess mir so den Betrag exakt auszahlen. Dann verteilte ich die Scheine und Münzen in Kuverts und brachte sie am gleichen Tag den Landwirten. Das war jeweils kurz vor Weihnachten, und da war mein Besuch immer gerngesehen.»
Die Baumfällaktion des Bundes
Adler musste auch die Baumfällaktion des Bundes überwachen und die Zahlen melden. Er erzählt, wie es dazu kam: «Es gab zu viele Hochstammobstbäume. Wir produzierten deutlich mehr Most, als getrunken wurde. Mit dem überschüssigen Most wurde Schnaps gebrannt. Der Staat wollte einem möglichen Alkoholismus zuvorkommen und führte eine Baumfällaktion durch. Die Landwirte mussten mindestens zehn Bäume fällen lassen, dann bekamen sie pro Baum 15 Franken. Heute pflanzt man sie wieder an» bemerkt der 75-Jährige trocken.
Tierverkehrsdatenbank
Ein weiterer Teil seiner Arbeit war das Erfassen der Nutztiere. «Ich musste nach Bern und einen Kurs belegen. Danach konnte ich den Landwirten bei Bedarf auch helfen.» Anlass für diese Tierverkehrsdatenbank ist, ebenso wie bei der Anbauprämie, die der Lebensmittelsicherheit. Sie hilft auch bei der Rückverfolgung der Tiere im Falle von Seuchen. «Heute tragen die Tiere eine Marke im Ohr – das war früher nicht so. Anfänglich war das eine aufwändige Arbeit, alle Tiere zu erfassen.» In der Landwirtschaft sind es die Nutztiere – also Geissen und alles, was grösser ist. Private Tierhalter müssen Hühner, Hasen und auch Bienen erfasst lassen. Wobei bei den Bienen die Völker gezählt werden.
Der digitale Wandel
Während seiner langen Amtszeit erlebte Adler den tiefgreifenden Wandel der Landwirtschaft. Mit der Industrialisierung stiegen auch die Anforderungen an die Datenerfassung. Förderprogramme, Direktzahlungen, Integrierte Produktion, Ökologischer Leistungsnachweis, Tierdatenbank machten die Erhebungen umfangreicher und anspruchsvoller. «Das digitale Datenerfassen sämtlicher landwirtschaftlicher Betriebe vor zehn Jahren war ein grosser Aufwand und die letzte grosse Veränderung im Amt für mich.» Diese Arbeit habe sich aber gelohnt, denn heute, so Adler, könne man mit einem Mausklick die einzelnen Flächen ausfindig machen.»
Gesundheit hat viel mit dem Lebenswandel zu tun
Heute liegt Adlers Fokus auf der Gesundheit und der Natur. Schon Adlers Vater bewirtschaftete diese Land, heute ist es sein Sohn Pirmin. Adlers sind darauf bedacht, sorgsam mit ihrem Land umzugehen, insbesondere was Dünger, Gülle und Spritzmittel anbelangt. Er befasst sich mit Kräutern und Gräsern, verarbeitet sie zu Tee, Gewürzen oder auch Sirup.
Adler ist überzeugt, dass in der Natur alles gegeben wäre, was der Mensch für seine Gesundheit braucht. Der sehr belesene Pensionär kennt viele Beispiele. Eines davon ist die Macht der Maulbeere. «Wir haben neu Maulbeerbäume gepflanzt. Das sind richtige Naturbomben.» Die Früchte sind reich an Vitamin C, K, Eisen und Antioxidantien, die Blätter an Flavonoiden und speziellen Pflanzenstoffen wie DNJ (1-Deoxynojirimycin), ein natürlicher Iminozucker.

