IRIS CAGLIONI
Am Karfreitag sind keine Kirchenglocken zu hören, welche die Gläubigen in die Kirche rufen, kein Orgelspiel begleitet die meist schwermütigen Lieder. Es findet keine heilige Messe statt, der Altar ist schmucklos, und die ...
IRIS CAGLIONI
Am Karfreitag sind keine Kirchenglocken zu hören, welche die Gläubigen in die Kirche rufen, kein Orgelspiel begleitet die meist schwermütigen Lieder. Es findet keine heilige Messe statt, der Altar ist schmucklos, und die Kreuze sind mehrheitlich verhüllt. Als Teil der Karwoche symbolisiert der Karfreitag Trauer und Busse. Mich an meine Kindheit erinnernd, darf ich sagen, dass dieser Tag für mich nie ein trauriger Tag war. Ausser vielleicht die Tatsache, nicht zu meiner Freundin zu dürfen.
Wir nutzten den Tag für Ostervorbereitungen. Eines war das Eier färben. Mit viel Geduld, alten Nylonstrumpfhosen, frisch gesammelten Gräsern und ganz vielen Zwiebelschalen fertigten wir kleine Kunstwerke an, die, so fanden wir, fast zu schade waren, um sie zu verspeisen. Wir durften auch unser Osternest vorbereiten. Ein kleiner Korb, ausgepolstert mit grünem Osterstroh, der darauf wartete, mit österlich Süssem gefüllt zu werden. Unser Vater verstand es jeweils, diese Nester sehr gut zu verstecken. Auch am Karfreitag, wie jahrelang an jedem Freitag, gab es an unserem Esstisch kein Fleisch sondern Fisch. Und der Besuch der Karfreitagsliturgie gehörte traditionell auch dazu.
Als Jugendliche erlebte ich den Karfreitag auf spezielle Weise an unserem Ostertreffen. Es war jedes Jahr ein Erlebnis für uns Jugendliche aus der Pfarrei St. Konrad in Zürich-Albisrieden. Dabei war die Karfreitagsliturgie zwar immer die längste von allen Gottesdiensten rund um Ostern, doch sie war auch meine bevorzugte. Die darin erzählte Leidensgeschichte durften wir Jugendlichen mitgestalten. Es war eine wertschöpfende Möglichkeit, die Geschichte aktiv zu erleben. Mir ging es damals nicht um den Glauben. Ich liebte es, in der Gemeinschaft etwas zu tun. Wir diskutierten, sangen Lieder und erlebten zusammen die Osterzeit. Uns wurde die Bedeutung von Ostern und besonders des Karfreitags auf eine Art vermittelt, die bis heute in positiver Erinnerung blieb.