Wärme holt die Natur aus dem Winterschlaf
20.03.2026Natur Am 28. Februar endete der meteorologische Winter. Am letzten Samstag reichte jedoch ein Blick aus dem Fenster, um sich zu vergewissern, dass sich der Winter noch nicht verabschieden will. Das hat Folgen für die Natur.
IRIS CAGLIONI
Zu früh, wie ...
Natur Am 28. Februar endete der meteorologische Winter. Am letzten Samstag reichte jedoch ein Blick aus dem Fenster, um sich zu vergewissern, dass sich der Winter noch nicht verabschieden will. Das hat Folgen für die Natur.
IRIS CAGLIONI
Zu früh, wie allgemein die Meinung vorherrscht, wurde bereits in den warmen Februarwochen die Natur aus dem Winterschlaf geholt. Blütenknospen an den Bäumen und Frühlingsblumen in den Gärten machen die noch karge Landschaft bunt.
Insekten surren und Amphibien begeben sich auf den Weg zum Laichen. Wie verhält es sich wirklich? Welche negativen und positiven Auswirkungen ergeben sich daraus? Wir haben nachgefragt:
Auswirkungen auf den Wald
Welchen Einfluss der vergangene Winter und der sehr warme Februar auf die Schädlinge wie Zecken oder den Borkenkäfer hat und wie sich das auf das ganze Ökosystem des Waldes auswirkt, beantwortete Tobias Wiss, Dietwiler Förster.
«Für den Wald war das nasse Wetter vom Herbst bis in den März gut. Die Böden konnten sich sättigen, und somit ist auch die Wasserversorgung der Bäume für den Start in den Frühling gewährleistet. Für die Waldbewirtschafter war die nasse Witterung allerdings eine Herausforderung, damit der Rohstoff «Holz» trotzdem geerntet werden konnte. Durch den warmen Februar und auch die ersten paar warmen März-Tage war die Natur schneller im Frühling als in einem normalen Jahr.
Auch die Schädlinge erwachen früher aus der Winterruhe, was wiederum zu einer grösseren Vermehrung führen kann. Dafür entscheidend ist aber auch, wie warm und trocken die Sommermonate werden. Wenn diese zu warm und trocken sind, könnte es wie im 2018 und 2019 zu Trockenschäden wie Absterben der Baumkronen und zu einer Massenvermehrung beim Borkenkäfer kommen. Dieses Risiko schätze ich als nicht so hoch ein, da durch den nassen Winter die Bäume gut mit Wasser versorgt sind und die Population der Borkenkäfer aktuell eher tief ist.»
Andere Schädlinge, wie zum Beispiel die Zecken, profitieren ebenfalls von den milden Wintern. Durch die fehlenden Frostperioden überleben mehr Zecken die Winter, was dann zu einer höheren Population führt. «Zecken sind bereits ab 7 Grad Celsius aktiv.»
Wie reagieren die Amphibien bei solchem Wetter?
Gerhart Vonwil vom NVVO informierte: «Die Tiere können in der Regel mit diesen Temperaturabweichungen umgehen oder die dadurch verursachten Verluste wieder kompensieren.» Die ersten Amphibien wanderten dieses Jahr schon ab Mitte Februar. «Das war besonders früh. Die Laichsaison startet je nach Art der Amphibien unterschiedlich. Der Zeitpunkt ist abhängig vom Temperaturverlauf. Durchschnittlich hat sich die Laichsaison im Rahmen der Klimaerwärmung um rund zehn Tage vorverschoben.»
Der Schnee ist kein wirkliches Problem. Die Tiere verkriechen sich und warten, bis wieder wärmere Temperaturen herrschen. Der Laich im Wasser leidet nur bei Eisbildung. Sofern es keine Eisbildung hat, schmilzt der Schnee, sobald er ins Wasser fällt. Gefährdet bei Frost sind einzig die Laichballen des Grasfrosches, welche an der Wasseroberfläche schwimmen. Der Laich erträgt kurzzeitig wenige Grade unter null. Die Gallertmasse, welche lediglich Nährstoffe für die werdenden Larven ist, bildet einen gewissen Schutz für den schwarzen Eikern. Im März entsteht kaum mehr eine Eisdecke, und falls doch, ist sie dünn. Dann könnten die Eikerne absterben. Betroffen ist aber meist nur die oberste Schicht der Laichballen. Das, was unterhalb der Eisdecke liegt, bleibt unversehrt.
Summ, Summ, Summ
Imker Urs Sennrichs Bienenvölker sind bereits äusserst aktiv. «In meinen Bienenstöcken ist die Produktion des Nachwuchses voll im Gang. Meine Königinnen sind fleissig. Und sollte es nochmal kühler werden und gar schneien, dann überleben das meine Tiere in ihren Bienenhäusern. Allgemein haben die regionalen Imker mitgeteilt, dass ihre Völker kräftig sind. Die Blüten sind zwei bis drei Wochen früher als üblich offen, und darum fliegen die Insekten auch früher. Das gilt für alle Insekten, auch für die Unbeliebten. Denn sie sind schliesslich Futter für andere Tiere wie Vögel und Frösche.»
So sehr sich der Imker über den frühen Flug seiner Bienen freut, so weiss er auch: «Die Schädlinge wie der Buchsbaumzünsler oder die Asiatische Hornisse entwickeln sich auch sehr gut bei diesem Wetter.»
Apfel- und Kirschblüten
Die Blütenknospen an Markus von Flües Niederstammapfelbäumen sind noch ganz geschlossen. «Insgesamt sehe ich aber, dass die Bäume rund zehn Tage früher dran sind. Die Blütezeit der Apfelbäume war früher Ende April, Anfang Mai. Seit Jahren verschiebt sich die Zeit, und dieses Jahr gehe ich davon aus, dass die Bäume Mitte April blühen werden.» Jetzt mögen seine Kulturen noch Minustemperaturen von drei bis fünf Grad Celsius ertragen. Stehen sie aber in voller Blüte, reicht eine klare und kalte Aprilnacht aus, um die Blüten zu zerstören. «Mit meiner Windanlage kann ich rund drei Grad regulieren. Doch wird es kälter als minus fünf Grad, bin ich machtlos.» Die Januarfrosttage waren für die Kirschbäume von Ruth Müller wichtig. Doch der sehr warme Februar liess die Knospen zu früh anschwellen. Auch sie geht davon aus, dass die Blüte zehn Tage früher sein wird als andere Jahre. Mit Frost rechnet Müller bis Mitte Mai. «2019 hatten wir dann Frostnächte. Das kann verheerend sein. Die sensiblen Knospen leiden. Bereits minus zwei Grad können zum Beispiel bei der Sorte «Kordia» Schäden anrichten.» Sichtbar werden die Schäden erst, wenn die Knospen aufgehen sollten. Ist sie erfroren, wird sie schwarz und verdorrt. Die anderen Sorten sind etwas robuster. Deren Knospen ertragen minus vier Grad, die Vollblüte minus zwei Grad und die Jungfrüchte nur noch minus ein Grad.
Müller stärkt und schützt ihre Kulturen mit Homöopathie, mit gezielt ausgebrachtem Wasser, das zu Eis wird und dadurch Wärme erzeugt oder im nötigsten Fall mit ihren Holzpellets-Heizöfen. «Mit diesen Massnahmen sind wir bisher gut gefahren.»





