Wenn gute Ideen an der Realität scheitern
06.02.2026 LeserbriefeIch verfolge die Diskussion rund um die Individualbesteuerung mit wachsendem Unbehagen. Sie wird als gerechte Lösung verkauft, als Ende der sogenannten «Heiratsstrafe». Wenn ich die geplanten Änderungen aber auf unsere konkrete Situation anwende, sehe ich eher eine neue Form ...
Ich verfolge die Diskussion rund um die Individualbesteuerung mit wachsendem Unbehagen. Sie wird als gerechte Lösung verkauft, als Ende der sogenannten «Heiratsstrafe». Wenn ich die geplanten Änderungen aber auf unsere konkrete Situation anwende, sehe ich eher eine neue Form dieser Strafe entstehen.
Ich bin Informatiker, wir leben im Kanton Aargau, meine Frau ist ebenfalls Informatikerin, und wir haben drei Kinder. Wir haben uns bewusst für das Einverdienermodell entschieden. Nicht, weil wir in alten Rollenbildern festhängen, sondern weil wir schlicht rechnen mussten – und weil wir für unsere Kinder da sein wollten. Eine externe Betreuung für drei Kinder können wir uns schlicht nicht leisten. Wir wollten unsere Kinder nicht primär fremd betreuen lassen, nur damit Statistiken zur Erwerbsquote schöner aussehen.
Wenn wir die Zahlen ehrlich durchgehen, wird das Problem rasch sichtbar: Bei einer privaten Betreuung von 20 Franken pro Stunde landen wir bei rund 3’200 Franken pro Monat – und das wohlgemerkt nur für eines der drei Kinder. Das Einkommen meiner Frau würde praktisch vollständig von Betreuungskosten aufgefressen. Am Ende des Jahres müssten wir auf dieses «durchgereichte» Geld auch noch Steuern zahlen. Wir würden effektiv draufzahlen, damit sie arbeiten gehen kann.
Ökonomen wie Martin Mosler bestätigen diese Entwicklung: Traditionelle Einverdienerhaushalte würden künftig stärker belastet, und gleichzeitig fehlen vielerorts überhaupt genügend Betreuungsangebote. Genau das erleben wir: Auf dem Papier wirkt die Reform vielleicht logisch, in unserem Familienalltag aber kippt die Rechnung.
Durch den Wegfall des gemeinsamen Tarifs steigt unsere Steuerlast deutlich. Zusätzlich droht uns
Aargau der Verlust der Prämienverbilligung (IPV), weil mein Einkommen auf dem Papier plötzlich «zu hoch» erscheint. Real bedeutet das: Wir sollen mehr Steuern zahlen, Leistungen verlieren und wertvolle Zeit mit unseren Kindern gegen Erwerbsarbeit eintauschen – ohne dass am Ende ein einziger Franken mehr in unserer Haushaltskasse ankommt.
Ich frage mich deshalb ernsthaft: Haben die Planer dieser Reform die tatsächlichen Kosten und Lücken in der Kinderbetreuung wirklich zu Ende gedacht? Warum geraten Familien unter Druck, die sich bewusst dafür entschieden haben, Zeit in die Erziehung ihrer Kinder zu investieren? Und am Ende bleibt für mich eine ganz persönliche Frage: Ist das wirklich der Sinn des Lebens – so etwas wie meine neue «42» – dass wir mehr arbeiten, mehr Steuern zahlen und gleichzeitig weniger Zeit mit unseren Kindern verbringen?
Daniel Hafner, Dietwil
