Der Blick zurück – wie sich Abtwil entwickelt hat
11.07.2025 AbtwilDie Gemeinde liegt idyllisch am südlichsten Ausläufer des Lindenbergs auf 536 Meter über Meer. Vom einst ursprünglichen Bauerndorf sind die «Tätschhäuser» und die Speicher verbliebene Zeitzeugen.
IRIS CAGLIONI
Anno 1930 ...
Die Gemeinde liegt idyllisch am südlichsten Ausläufer des Lindenbergs auf 536 Meter über Meer. Vom einst ursprünglichen Bauerndorf sind die «Tätschhäuser» und die Speicher verbliebene Zeitzeugen.
IRIS CAGLIONI
Anno 1930 zählte die Dorfbevölkerung 347 Personen. Über viele Jahrzehnte hinweg schwankte die Zahl zwischen 300 und 400 Einwohnenden. Das Dorf war landwirtschaftlich geprägt, verfügte über diverse Handwerksbetriebe, Gaststätten und Einkaufsmöglichkeiten. Die Lebensweise war einfach, die Bauernfamilien waren Selbstversorger. Alles Weitere konnte in den drei Läden gekauft werden. Bruno Marti ist mit seinen 87 Jahren einer der ältesten Einwohner. Er wurde in Abtwil geboren und erinnert sich gut an die damalige Zeit: «Es gab eine Bäckerei und eine Metzgerei. Der Bauer Knüsel hatte einen kleinen Laden und der Gemeindeschreiber Bühlmann genauso. Weiter verfügte Abtwil über eine Käserei, eine Küferei, eine Wagnerei und eine Schmitte. Jakob Waldenspühl flickte unsere Velos und bei Balmers konnten Schuhe bestellt oder geflickt werden. Im Prinzip war alles im Dorf verfügbar und erhältlich.»
Dienstleister und Gewerbe
Damals, in den 70er Jahren, waren auch Dienstleister im Dorf: die Raiffeisenkasse Abtwil, eine Postfiliale, die Spar- und Leihkasse Oberfreiamt und die Geschäftsstelle der Krankenkasse Konkordia. Alle diese Dienstleister sind verschwunden.
Gemeindeammann Stefan Balmer informiert: «Mit der regionalen Globalisierung hat sich der Markt gewandelt, und die Situation von früher kann man nicht mit der heutigen vergleichen. Es haben etliche initiative Einwohner neue Unternehmen in Abtwil gegründet. Da für deren Wachstum kein Platz in Abtwil vorhanden war, fanden diese geeignete Flächen in den grösseren Nachbarsgemeinden.»
Damals eine Gesamtschule
Bis zur Einführung der allgemeinen Schulpflicht von neun Jahren, wurde an der Gesamtschule alles bis auf die Bezirksschulstufe unterrichtet. «Wir hatten eine Lehrperson für die 1. bis 3. Klasse und eine für die 4. bis 8. Klasse. Ich ging in Sins in die Bezirksschule und machte auch das freiwillige 9. Schuljahr, denn ich wollte Bezirksschullehrer werden.» Den Weg nach Sins fuhr Marti mit seinem Velo.
Die durchschnittliche Klassengrösse betrug damals rund 20 Schüler. «Bei starken Jahrgängen konnten es auch 29 Schüler sein», teilte Balmer ergänzend mit. «Die letzte 8. Klasse, die in Abtwil im Schuljahr 1984/85 unterrichtet wurde, bestand noch aus zwei Schülern. Seit 1985/86 wird in Abtwil nur noch Kindergarten und Primarschulunterricht erteilt», so Balmer.
2024 gingen in Abtwil 78 Kinder in eine der Primarklassen, 19 waren im Kindergarten anzutreffen und 44 gingen an die Oberstufe.
Keine Strassennamen, dafür Ortsteile
Aufgewachsen ist Marti zusammen mit sechs Geschwistern auf einem Bauernhof im Dorfteil Winkel. Sein Elternhaus steht heute noch, saniert und umgebaut. Heute heisst es dort nicht mehr Winkel, diese Bezeichnungen sind verschwunden. Der 87-Jährige informierte, dass früher, bevor es Strassenbezeichnungen gab, das Dorf in fünf Teile eingeteilt war. Nebst dem Winkel gab es noch die Dorfteile Altchile, Mittel-, Hinter- und Oberdorf.
Als der Pfarrer mitregierte
Marti erinnert sich an Pfarrer Hermann Kaufmann. «Er war schon jemand, der Autorität ausstrahlte. Wir Kinder mussten jeweils am Sonntagnachmittag zur Christenlehre. Das war eine Pflichtübung. Der Pfarrer kannte uns alle und zählte uns durch – Fehlen war nicht drin. Fast alle Einwohner im Dorf waren katholisch. Und die zwei, drei Protestanten hatte unser Pfarrer auch im Griff.» Der 87-Jährige schmunzelt und erzählt, dass auch so manche Prozession zum Jahresprogramm gehörte. «Der Pfarrer bestimmte, welche Familie welchen Altar entlang des Weges zu schmücken hatte. Bei unserem Haus stand ein solcher Altar.» Der Anteil römisch-katholischer Einwohner liegt heute bei 45 Prozent, Bittgänge und Prozessionen sind weitestgehend vom Jahresprogramm verschwunden.
Und staubig sei es gewesen auf den Naturstrassen, bis die grosse Neuerung kam. «Ich war vielleicht siebenjährig. Mit einem Güllefass wurde Schwarzlauge von der Papierfabrik Perlen geliefert. Diese wurde auf der Strasse verteilt. Damit war der Staub eingedämmt, dafür brannte es an den Füssen der Kinder, die barfuss unterwegs waren.»
Entwicklung der Bevölkerung und der Vereine
Zur Jahrtausendwende betrug die Einwohnerzahl 675, und im Januar 2022 durfte der Gemeinderat die 1’000. Einwohnerin begrüssen. Heute zählt das Dorf 1’125 Einwohner, dabei liegt der Ausländeranteil bei rund 19 Prozent.
Die Schützen- und die Musikgesellschaft, der Frauenbund und der Kirchenchor sind und waren alteingesessene Vereine. Mit dem Neubau der Mehrzweckhalle von 1979 entstanden etliche Gruppierungen, welche das freiwillige Turnen von Alt und Jung förderten. Es entstanden neue Vereine, andere lösten sich auf, wie die Ei-Tags-Gugger oder der Kirchenchor.