Dem Bauchgefühl aufmerksam Gehör schenken
18.09.2026 AbtwilEs ist kaum zu glauben, auf wie viele Betrugsarten die Menschen hereinfallen. Und sie sind nicht dumm. Die Expertin der Kantonspolizei Aargau, Andrea Abderhalden, meinte, vieles habe mit Gier zu tun.
IRIS CAGLIONIInternetbetrug ist ein Phänomen, das zwar schon seit ...
Es ist kaum zu glauben, auf wie viele Betrugsarten die Menschen hereinfallen. Und sie sind nicht dumm. Die Expertin der Kantonspolizei Aargau, Andrea Abderhalden, meinte, vieles habe mit Gier zu tun.
IRIS CAGLIONIInternetbetrug ist ein Phänomen, das zwar schon seit Jahren bekannt ist, aber nach wie vor Aufklärungsbedarf hat. Die Betrugsmaschen verändern sich, das Ziel bleibt – das Geld von gutgläubigen Menschen abkassieren.
Viel hat man darüber bereits gelesen: der Enkeltrick, die falschen Polizisten und die gefälschten E-Mails mit Drohungen aller Art, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Die Meinungen zur Aufklärung in dieser Sache sind unterschiedlich – die einen denken, es sei doch alles klar, die anderen sind froh, wenn mehr Aufklärung stattfindet. So machte die Gemeindeschreiberin von Abtwil, Anja Emmisberger, einen Vorstoss und organisierte einen Info-Nachmittag mit dem Titel «Sicherheit im Alter».
Es trifft Menschen, egal ob jung oder alt
Die Sozialen Medien bieten eine optimale Plattform für alle Art von betrügerischen Machenschaften. Am letzten Donnerstagnachmittag hielt Andrea Abderhalden von der Kriminalprävention der Kantonspolizei Aargau ihren Aufklärungsvortrag über Internetbetrügereien. Ihre Ausführungen liessen die Anwesenden nicht nur staunen, sondern zum Teil erschüttert den Kopf schütteln. Abderhalden informierte über echte Fälle von Anlagebetrug, Recovery-Betrug, Romance-Scam, Schockanrufen, Phishing-Mails. Die vorgelegten Zahlen zeigen lediglich die Summe der gemeldeten Delikte im Kanton Aargau. 2024 führten 229 Anzeigen zu einer Schadenssumme von rund 26 Millionen Franken, 2025 ergaben 236 Anzeigen noch Schäden in Höhe von 20 Millionen Franken. «Wir gehen davon aus, dass die Zahl fünf- oder zehnmal höher ist. Die Dunkelziffer ist enorm hoch. Viele Opfer zeigen solche Betrugsdelikte nicht an, weil sie sich dafür schämen.»
Romance-Scam – Liebesbetrug
Die Kriminalpolizistin erzählte, wie die Täter ihre Opfer monatelang mit Nachrichten einwickeln und so eine emotionale Bindung herstellen.
Ihr Fallbeispiel – eine verheiratete Frau fällt auf den Betrug herein, sie schickt ihm Geld – auch das Pensionskassengeld des Ehemannes – scheibchenweise auf irgendwelche Konten. Als sie endlich skeptisch wird, ist es zu spät.
Totale Verluste garantiert
Wenn Blocher, Federer oder andere Persönlichkeiten Werbung für schnell wachsendes Geld mit unsäglich profitablen Renditen machen – dann ist das Betrug. Renditen von 20 Prozent sind unrealistisch. «Die Einstiegsbeträge sind verhältnismässig klein mit 200 bis 300 Franken», erzählte die Polizistin, «dann wird im gefälschten Online-Banking aufgezeigt, wie das Geld wächst – meist ist es die Gier, die die Menschen dazu treibt, weiterzumachen – mehr zu investieren. Wenn praktisch über Nacht aus 200 Franken eine Million wird, dann kann das nichts anderes als Betrug sein.» Ihr Fallbeispiel: Es gibt Menschen, die so bis zu einer Millionen Franken investierten – die Hälfte davon geborgt von Familie und Freunden.
Und gleich nochmals erwischt
Eine neue Masche ist das «Recovery»: Ein Betrugsopfer, das Geld verloren hat, wird nach ein paar Jahren nochmals angegangen. Man habe herausgefunden, wie das Geld zurückgeholt werden könne – und damit beginnt der Teufelskreis von Neuem.
Die Schockanrufe
Wenn in Windeseile Geldüberweisungen stattfinden sollen, um Kautionen zu hinterlegen, weil ein Familienmitglied verhaftet wurde, ist es Betrug. «Diese Schockanrufe erkennt man daran, dass Druck gemacht wird. Gibt es einen Unfall im Ausland, wird kein Polizist von irgendwo anrufen und Kautionsgeld verlangen. Das läuft immer über Bern zum Kanton und dann überbringt eine Patrouille die Botschaft der Familie. Alles andere ist Fake.»
Tragische Konsequenzen
Es kommt immer wieder vor, dass Menschen nach einem solchen Betrug am Existenzminimum leben müssen. Abderhalden betonte: «Man muss wissen, dass man kein Recht auf Ergänzungsleistungen hat, wenn man sein eigenes Geld auf diese Weise verloren hat – auch wenn es betrügerische Abzocke war.» Ausschlaggebend sei die Tatsache, dass die Überweisungen jeweils freiwillig erfolgten.
Ratschläge der Expertin
Bei jedem der beleuchteten Fälle betonte die Kriminalbeamtin, dass es wichtig sei, auf sein Bauchgefühl zu achten. «Legen Sie bei suspekten Anrufen auf.
Und die Polizei hat kein überzähliges Personal, welches zu Ihnen nach Hause kommt, um ihre Wertsachen zur Verwahrung abzuholen.»
Weiter empfiehlt sie, bei fordernden E-Mails keine Pin-Nummern oder Kontoangaben zu machen. Auch empfiehlt sie, die Absender zu beachten. Es gibt eine Warnliste mit über 3’400 Einträgen auf der Internetseite www.cybercrimepolice.ch. Dort finden sich verdächtige Online- und Immobilienplattformen sowie verdächtige Kryptoadressen und unzählige Fallbeispiele, die die kriminellen Muster aufzeigen.
Positives Echo der Besucher
In den Gesichtern der Besucher war grosses Erstaunen zu lesen – darüber, dass es noch immer so viele Menschen gibt, die auf diese Betrüger hereinfallen. «Es ist kein Manko an Intelligenz. Bei den Menschen, die immer wieder auf Fake-Investments hereinfallen, liegt oft eine gewisse Gier zugrunde», meinte Abderhalden. Nebst den Betrügereien im Internet berichtete sie über das Einbruchrisiko. «Während Corona nahmen die Einbrüche deutlich ab, da die Leute viel mehr zu Hause waren. Heute verzeichnen wir wieder sehr viel mehr Einbrüche als früher, und jetzt beginnt wieder die düstere Jahreszeit – seien Sie achtsam, schauen Sie auch mal zum Nachbarsgrundstück. Hier auf dem Land kennt man sich, also rufen sie 117 an, wenn Sie etwas Verdächtiges bemerken».
Die rund 30 Anwesenden nutzten danach die Gelegenheit für einen ausführlichen Austausch über das Gehörte. Dazu servierten der anwesende Gemeindeammann Stefan Balmer und Gemeinderat Adrian Bachmann zusammen mit der organisierenden Gemeindeschreiberin Kaffee und Kuchen.

