Mehr Post und mehr Anrufe


Sins

Keine Besucher, keine Anlässe, keine Action in der Cafeteria und trotzdem, im Zentrum Aettenbühl scheint die Welt «noch» in Ordnung. Auch mit Einschränkungen und fast täglich neuen Regeln des Bundesrats geht das Leben seinen geregelten Gang.

ci. Es ist ruhig rund um das Zentrum Aettenbühl. Der Spielplatz ist verwaist, die Gartenwirtschaft vor dem Haupteingang bleibt unbenutzt. Die Cafeteria ist wie jedes andere öffentliche Restaurant geschlossen. Nur wenige der Bewohnerinnen und Bewohner halten sich im Foyer auf. Die Atmosphäre hat trotz der Virus-Krise auf eine stille Art und Weise etwas Besinnliches an sich.«Ich bin jetzt nicht einsamer als vorher, aber innendrin hat sich ein mulmiges Gefühl breit gemacht. In den Medien wird ja nur noch von diesem Virus erzählt», weiss eine Mieterin der angrenzenden Alterswohnungen. Sie lebt hier seit neuen Jahren. Trotz allem fühlt sie sich einhundertprozentig aufgehoben und versorgt. «Zum Glück wohne ich hier.» Mit ihren Nachbarn tauscht sie sich regelmässig aus. Auf positive Art hat sich seit der Corona-Krise auch etwas geändert. Sie erhält viel mehr Telefonanrufe. «Gestern war ich den ganzen Tag am Telefon. Alle wollen wissen, wie es mir geht – es ist schön, dass so viele liebe Menschen an mich denken. Nachbarn von ausserhalb bieten Hilfestellung für Besorgungen an. Es geht mir gut, solange ich alles noch selber erledigen kann in meinen vier Wänden.»

Arbeitgeber sind gefordert

Die Herausforderungen für die Zentrumsleitung und das gesamte Personal sind enorm. Es ist ein steter Kampf gegen einen unsichtbaren und unberechenbaren Feind. Im Gespräch mit der Zentrumsleiterin Beatrice Emmenegger wird schnell klar, dass viele zeitnahe und teils radikale Entscheidungen gefällt werden mussten, die einem Balanceakt glichen. Das Wohl der Bewohner, die Gesundheit aller – Mitarbeiter und Bewohner – stand und steht weiterhin an erster Position. «Es gab Situationen, für welche noch keine Empfehlungen des Bundesrates oder des Departements Gesundheit und Soziales (DGS) vorlagen. Wir haben aber gemäss den letzten Empfehlungen des DGS stets die richtigen Entscheidungen gefällt.» Sie sei stolz darauf sagen zu dürfen, dass interne Weisungen von allen Seiten befolgt würden. Gegenseitiges Vertrauen sei in solchen Krisensituation sehr wichtig. «Der Lockdown entschleunigt uns und es wird uns Zeit geschenkt um über das eine oder andere Thema nachzudenken und inne zu halten.» Emmenegger ist überzeugt, dass dadurch ein äusseres aber auch ein inneres Aufräumen ausgelöst wird.

Mehr Briefe und neu auch Skype

Nicht nur die Besuche von Angehörigen fallen nun weg, auch Veranstaltungen von externen Gruppen sind bis auf weiteres gestrichen. «Es ist langweilig», erzählt eine Bewohnerin. «Aber damit können wir umgehen, denn wir sind ja nicht alleine hier. Und solange es keinen CoronaFall im Zentrum gibt, fühlt sich das Leben hier fast wie immer an – eben einfach etwas langweiliger.» Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Pflege organisieren Spaziergänge im Garten, singen gemeinsam, erzählen Geschichten und machen diverse Spiele mit den Bewohnern. In enger Zusammenarbeit mit dem Team der Aktivierung gestalten sie so den Alltag der Bewohner abwechslungsreich. Die Bewohner erhalten auch vermehrt Briefpost von den Angehörigen und seit kurzem stehen zwei Tabletts zur Verfügung, mit denen per Skype die Angehörigen kontaktiert werden können.

Parallelen zu historischen Ereignissen

«Grösstenteils reagieren die Bewohnerinnen und Bewohner mit sehr viel Verständnis auf die getroffenen Massnahmen. Sie wissen, es dient zu ihrem Schutz», informiertBrigitte Villiger, Pflegedienstleiterin. Das Pflegepersonal sei sehr präsent um Anliegen, Ängste und Sorgen im persönlichen Gespräch beantworten zu können. Sie höre immer wieder Äusserungen wie «das ist unheimlich, so war es damals im zweiten Weltkrieg» oder «solche Szenarien haben wir 1965/1966 bei der Maul- und Klauenseuche auch erlebt». Es entstünden viele geschichtlich-biografische Gespräche zwischen den Generationen. In den meisten Bereichen im Haus läuft der Alltag fast normal weiter. So auch im Hauswirtschaftsbereich, dem Sonja Hostettler vorsteht. Ihr Personal in der Wäscherei sei es gewohnt, Schutzkleidung zu tragen. Als Präventivmassnahme müsse halt in der Reinigung und auch im Speisesaal viel mehr desinfiziert werden. «Meine Mitarbeiter ziehen alle am selben Strang. Wir geben unser Bestes, um in dieser ernsten Lage alle zu schützen», erklärt sie. Aus Sicht der Hauswirtschaft habe die Krise eine positive Ruhe ins Haus gebracht. «Jetzt haben wir Zeit für einen richtigen Frühjahrsputz, zum Beispiel in der geschlossenen Cafeteria.»Als Fazit kann gesagt werden, dass die Welt im Aettenbühl «noch» in Ordnung ist, etwas ruhiger, für die einen etwas langweiliger und für die anderen etwas besinnlicher. In einem Punkt sind sich alle einig. Die gewachsene Hilfsbereitschaft, der Zusammenhalt und der Teamgeist zeigen das gut eingespielte Miteinander im Haus.