Das Sterben gehört nun mal dazu

Zentrum Aettenbühl

Allerheiligen und Allerseelen (jeweils am 1. Und 2. November) werden von vielen Menschen mit dem Sterben und dem Tod in Verbindung gebracht. Zum Feiertag spricht der „Anzeiger“ mit Betroffen, die sich täglich mit dem Thema befassen.

Dienstagmorgen im Zentrum Aettenbühl in Sins. Ich treffe mich mit Zentrumsleiter Paul Villiger, der Bereichsleiterin Pflege, Susanne Boss und der Gruppenleiterin der Wegbegleitung Sins, Gaby Curti. Thema des Gesprächs: Wegbegleitung von älteren Menschen bis in den Tod. Dabei erfahre ich, wie die Gruppe organisiert ist und was sie genau macht. Wir sprechen aber auch über das Sterben, den Tod und über die zurückbleibenden Angehörigen. Einzigartig in der RegionSchon vor 20 Jahren, als das Zentrum Aettenbühl in Betrieb genommen wurde, gab es die Wegbegleitung. Was anfangs 10 Betreuerinnen aus dem Frauenbund ins Leben gerufen haben, ist heute eine Gruppe von rund 20 erfahrenen Wegbegleiterinnen. „Nicht nur Frauen, wir haben auch einzelne Männer dabei“, erklärt Curti. Rund zwei Stunden pro Woche begleiten die gemeinnützigen Fachkräfte je einen Bewohner des Zentrums. Dabei wird diskutiert, spaziert oder gespielt. „Wir versuchen, den Betagten ihre Wünsche zu erfüllen“, so Curti weiter. Dabei können auch Ausflüge gemacht werden. „Andere haben erst vor ein paar Jahren begonnen. Wir sind Pioniere.“ Schulungen gab es früher keine. Die Begleiterinnen lernten durch ihre Erfahrungen dazu. Mittlerweile gibt es Ausbildungen für die Begleitung von Schwerkranken und Sterbenden. Begleitung bis zuletztFünf Personen der Wegbegleitung stehen ihren Bezugspersonen bis zum Ende bei. „Wir sind dabei auch das Bindeglied zwischen Sterbenden und Angehörigen“, erklärt Curti. Viele der Verwandten haben immer noch das Gefühl, sie müssen 24 Stunden anwesend sein. Die Sterbebegleitung entlastet die Angehörigen und hilft mit. „Es gibt nebst Sterbenden, die froh um die Anwesenheit von Nahestehenden sind, auch Menschen, die alleine sterben wollen.“ Die Begleiterinnen helfen mit ihrer Erfahrung mit, den Beteiligten die Situation zu erleichtern. Der Prozess vom „Loslassen“ der Sterbenden Person, aber auch der Angehörigen, ist ein wichtiger Bestandteil der Sterbebegleitung. Dazu kommt die Unterstützung der Seelsorge. Curti bittet die Bevölkerung mitzumachen und sich aktiv zu beteiligen. „Wenn sich jemand angesprochen fühlt, kann er gerne mit uns in Kontakt treten und bei der Wegbegleitung mithelfen.“ Vom Leben und SterbenBeim Gespräch am Dienstag entstand eine rege Diskussion über den Tod und das Leben. Zentrumsleiter Villiger hat durch seine sechsjährige Tätigkeit im Aettenbühl viel über den Tod, aber vor allem auch über das Leben gelernt: „Ich denke so wie die Benediktiner und lebe jeden Tag mit dem Bewusstsein, dass das Leben endlich ist und das ich heute oder morgen sterben kann. Ich versuche jeden Abend mit mir ins Reine zu kommen, um am nächsten Morgen wieder neu beginnen zu können.“ Curti sagt, dass sich das Sterbeverhalten im Aettenbühl verändert hat: „Vor 20 Jahren als ich angefangen hatte, starben die Bewohner anders als heute. Die Angst vor dem Tod und die Reue waren viel grösser.“ Dem kann Susanne Boss nur zustimmen: „Die Angst vor dem Sterben hat auch mit der Religion zu tun. Sie machte den Gläubigen Angst vor der Abrechnung.“ Das sieht Villiger auch so. Er kennt aber auch die Vorteile des Glaubens: „Die Religion gibt den Betroffenen eine Stütze und ein Versprechen für einen Himmelsplatz. Nichtgläubige haben eher Zweifel und Ängste, was da kommen wird.“ Die letzten Augenblicke seien schlussendlich immer friedlich, sagt Curti. „Wenn die Angst und das schlechte Gewissen nicht wären, könnten die Sterbenden allerdings leichter gehen.“ Endstation oder Erlösung?Auf die Frage, ob die Gesprächsteilnehmer den Tod als Schlussstrich sehen meint Curti: „Für mich ist es keine Endstation. Ich lasse den Tod auf mich zukommen, da ich überzeugt bin, dass es danach weitergeht.“ Die Bereichsleiterin Pflege sieht es ähnlich und sagt dazu: „Ich versuche so zu leben, dass ich am Schluss kein schlechtes Gewissen haben muss.“ So wurde weiter diskutiert, während draussen die Blätter von den Bäumen fielen. Dabei kamen auch grundsätzliche Gedanken zum Leben ins Spiel. „Man soll das Positive sehen und nicht am Negativen hangen. Sehen Sie doch die schönen Farben der Blätter. Und der Frühling kommt bestimmt wieder“ sagt Boss. Dem stimmt Villiger zu: „Wir brauchen doch das Auf und Ab im Leben. Dafür kann der Herbst und gerade auch Allerheiligen symbolisch sein. Ich weiss, dass der Frühling wieder kommt. Wenn es mal schlecht geht, wird es auch wieder sonnige Zeiten geben im Leben.“